Samstag, 16. November 2019

Mein Freund, der Baum - Bei mir zu Haus






In den Sommermonaten lebe ich im Wald. Unser Grundstück und auch die Grundstücke meiner Nachbarn sind im Grunde Waldgrundstücke. Voller Bäume. Denn diese Grundstücke sind seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Wald um den See entstanden, es gibt viel älteren Baumbestand. Auch Bäume kommen in die Jahre, der Anteil von Totholz, der Befall mit Pilzen und Spechtwohnungen sind oft deutliche Hinweise, dass ein Baum seine besten stehenden Jahre hinter sich hat. Da schaut man mit den Jahren dann immer genauer und manchmal auch sorgenvoller nach, wie's den Guten geht...








Vom See hatte ich vor dem Umzug ins sächsische Winterquartier schon Abschied genommen, und ich bin mir ganz sicher, ich werde ihn im Frühjahr wiedersehen. Aber der Abschied von ein paar der gezeigten Bäume, die seit Jahrzehnten um mich herum sind, ist einer für immer. Sie werden den Winter über fallen.








Da sind die Robinien am Weg zum Wasser, die nur noch Lust haben mit ihren Ästen ausgerechnet in Richtung von Nachbars Garten wachsen zu lassen, dabei aus dem Gleichgewicht geraten und totes Astwerk in die Beete fallen lassen. Oder die Zwillingsbirke am Pfad zum Wasser, schon vor Jahren mit Pilzen befallen. In deren einem Teil wird das Totholz mehr und mehr, sie kann es nicht mehr halten kann, wie die letzten starken Winde zeigten und gefährdet Gebäude beim Nachbarn.













Und da gibt es diese urige alte Zwillingskiefer, deren einen Zwilling schon vor mehr als 30 Jahren ein Sturm abdrehte und uns in den Garten warf. Der andere Zwilling ist munter weiter gewachsen, hat aber bis in über 10 m Höhe nur noch Totholzäste und ein derartiges Kronenübergewicht, dass wir - obwohl Bäumen sehr zugetan und auch nicht sehr ängstlich - doch Sorge haben, was passiert, wenn ein Sturm nach dieser greift. Wenn starker Wind ist, mag sich darunter keiner mehr aufhalten, und ich nicht mehr in unserem Schlafzimmer schlafen. Und starke Winde häufen sich, das haben die vergangenen Sommer gezeigt.












Zusammen mit den Nachbarn holen wir nun professionelle Hilfe, um die betroffenen Bäume sachkundig auszulichten oder abzutragen, dabei aber auch stehende Totholzanteile als Lebensraum zu belassen. Und wir werden neue Bäume pflanzen bzw. Spontanbewuchs wachsen lassen. So hat es bei uns eine kleine Eiche klammheimlich und eigentlich ungesehen schon auf über einen Meter Wuchshöhe gebracht, an einem Platz, der ihr die nächsten 50 Jahre auf jeden Fall sicher ist. Auf einmal ist sie zu sehen...











Die Gartenblicke zu den Bäumen werden sich sehr verändern. Es werden Lücken entstehen, Raum für Neues, auch neue Bäume. Ich bin gespannt, wie es im kommenden Jahr hier aussehen wird... Die gewohnten Silhuetten werde ich bestimmt vermissen und mich erst gewöhnen müssen... Es wird aus einigen Perspektiven auf einmal viel mehr Himmel da sein...











Jahrelang haben wir die Entscheidung vor uns her geschoben. Nun ist die Zeit herangereift zu handeln. Es tut weh, ja. Sehr sogar. Doch inzwischen ist es so, dass eine Garantie, "dass schon nichts passieren wird", nicht mehr gegeben ist. Diese Garantie gibt es ohnehin nie. Aber irgendwann ist es nicht mehr sinnvoll, an den wachsenden Risiken vorbeizuschauen. Heute habe ich für euch und für mich noch mal in all die wilden Kronen geschaut, wie ich das so oft tue... Diesmal etwas wehmütig. Unter den Kronen von Bäumen bin ich zu Hause. Ein Garten ohne Bäume? Geht gar nicht.


Mein Freund, der Baum 
Naturdonnerstag

Kommentare:

  1. Da kannst Du Dich glücklich schätzen.
    LG
    Magdalena

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  2. Ja, das schmerzt, alte Bäume fällen zu müssen. Aber wenn man dafür andere, junge pflanzt, ist das wie Balsam.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. Ich sitze hier mit etwas feuchten Augen... Ich glaube, ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist. Ich erinnere mich an die Wehmut meines Vaters, als der Blitz seinen geliebten Walnussbaum getroffen hat, an die meines Schwiegervaters, als die Nachbarn das Abholzen von drei Bäumen in der Nähe ihres Zugangsweges gefordert hatten. Ich selbst vermisse ja jeden gefällten Baum im Häusercarrée bis heute, obwohl es uns mehr Licht und Sonne gebracht hat. Aber auch Bäume muss man wohl gehen lassen, nicht nur Menschen. Eine schwere Übung, die auch nicht einfacher wird, wenn man sie öfter durchmacht.
    Aber wie ich dich kenne, wird ein liebevoller Umgang mit deiner Umgebung auch neuen Bäumen eine Chance ermöglichen, uns zu überleben. Die Eiche zeigt doch schon einen Weg....
    Dir alles Liebe!
    Astrid

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  4. Ein Baum braucht 50 Jahre, bis er gross ist. In 50 Sekunden liegt er am Boden. Es werden neue Bäume wachsen. Natur ist ein Werden und Vergehen. Ich hoffe, die Lücken sind nicht zu deprimierend. Liebe Grüsse zu dir. Regula

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  5. ich kann dich so gut verstehen! jeder baum, jeder ast ist einem ans herz gewachsen. aber gut, dass dein waldgarten bleibt und neues sich entwickeln kann. die eiche wird dir bestimmt noch viel freude machen!
    als vor vielen jahren hier auf dem nachbargrundstück eine sehr alte, sehr große kastanie, die mich täglich beim blick aus dem fenster erfreute (besonders im frühjahr mit einer überquellenden blütenpracht), gefällt wurde, gab es keinen ersatz. dort wurde ein neues haus gebaut. aber erfreulicherweise sind so nette nachbarn dorthin gezogen, dass ich inzwischen den verlust einigermaßen verschmerzt habe.
    liebe grüße
    mano

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  6. ach ja..
    es schmerzt ao alte "Weggefährten" gehen zu lassen
    aber irgendwann ist der Wendepunkt erreicht
    auch bei den Bäumen
    und wenn das Risiko steigt dass es gefährlich wird muss man Abschied nehmen
    aber dort wo das Alte geht ist auch wieder Platz für Neues

    als gegenüber die große Fische gefällt wurde .. ein wirklich schöner Baum .. war ist auch traurig denn eigentlich war keine Notwendigkeit gegeben
    später wurden noch 2 schon windschiefe Fichten weggenommen .. das habe ich eher verstanden ..
    nund ja.. jetzt habe ich freien Blick auf eine schöne Birke.. ich hoffe sie bleibt noch erhalten

    liebe Grüße
    Rosi

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  7. oh ja, das fällt schwer, sind einem die Bäume, die Blicke, die Kronen, das Rauschen, ins Herz gewachsen. Aber die Eiche macht einen Anfang, das wird. Neu, heller,mit lichtem Kindergrün. Herzlich, Eva

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Ich freue mich sehr über eure Gedanken.
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