Freitag, 21. Oktober 2016

Lost Places - Zingst



Freunde, die die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst seit langen Jahren sehr gut kennen, berichteten uns bei unserem Besuch, dass es im Sommer in Zingst an den direkt am Ort liegenden Stränden bei Badewetter praktisch keinen Platz mehr gibt, um ein Handtuch auszubreiten. Das haben wir bei unserem Urlaubswetter jetzt nicht erlebt, aber vorstellbar ist es, wenn man sieht, was selbst bei Regenwetter und um diese Jahreszeit jetzt hier noch für erstaunliche Menschenmengen zu Fuß und per Fahrrad unterwegs sind.
 






 

Als ich dieses Jahr im Oktober nach lange zurückliegenden Familienkurzaufenthalten in bester Erinnerung Anfang der 90er auf Fischland und dem Darß und nach einem Wochenende im Jahr 2003 in Zingst auf die Halbinsel zurückkehrte, war ich voller Vorfreude, habe jedoch Zingst kaum wiedererkannt. Ich dachte ernsthaft, ich bin da falsch. Der Tourismus boomt, besonders auch die Immobiliengeschäfte. Es wird gebaut und gebaut, nicht mal besonders schön, und die freien Flächen innerhalb des Ortes schmelzen zusammen. Selbst der Kurdirektor hat inzwischen Sorge, dass das Ostseeheilbad Zingst seinen Charme und mehr und mehr die Reize verliert, um derentwillen die Menschen einst kamen... 














Meine Bilder von einem Gang auf dem Deich entlang der Seestraße verdeutlichen vielleicht, was ich meine. Seht ihr auf dem Foto oberhalb die Ansicht des Neubaus im Werden auf dem Baustellenschild? Was glaubt ihr, wie lange wird sich das kleine Privathäuschen rechts daneben noch halten können, ohne dass die Eigentümer oder Erben belagert werden zu verkaufen, um auch dort einen weiteren so großen "Klops" hinzustellen.









Und dieses Stück an derselben Straße hinterm Deich: Besonders das mittlere Gebäude passt hier m. E. absolut nicht hin, trotz der vielen Fenster ein irgendwie gesichtsloser Zweckbau, ein Touristenaufbewahrungshaus, in dem ich niemals meine Ferien verbringen wollte. Die sich dagegen geradezu zierlich ausnehmende und etwas skurril aussehende Türmchen-Villa mit dem roten Dach steht schon sehr lange hier und scheint gut in Schuss. Wenn auch die anderen Grundstücke so in bescheidenerem Maße bebaut wären oder würden, täte das der Atmosphäre nur gut... So dicht bei dicht das größte mögliche Maß an Fläche (und Höhe) zu bebauen, steht dem Heilbad nicht. Finde ich jedenfalls. Die alte Villa umgibt immerhin noch ein bisschen Garten und nicht nur Parkfläche.








Vier Tage später übrigens waren wir im Hafenrestaurant "Martini" essen. Italienische Küche verbindet sich hier sehr nett und schmackhaft mit historischen Erinnerungsstücken des Ortes. Und es ergab sich so, dass genau über unserem Tisch eine alte Fotografie eben dieser Villenstraße (heute Seestraße) hing. Da steht auch die alte Villa schon... Und die Straße ist ein Spazierweg. Heute quetschen sich da vor allem Autos entlang.










Bei einem Erkundungsspaziergang in den Ort entdeckten wir zum Ende der Fußgängerzone hin hinter hohen Zäunen und dichten Hecken noch dieses verwunschene, unbewohnte und - ich befürchte es fast - vielleicht verlorene alte Holzhaus. 








Schon die Neubauten im Umfeld zeigen, was ihm vielleicht blüht, wenn die Eigentümer die finanzielle Kraft nicht aufbringen können es zu sanieren, vielleicht ja aus verschiedenen Gründen auch gar nicht das Interesse daran haben: Abriss und was Neues, Schickeres, auf jeden Fall aber Riesigeres.









Das waren jetzt Beispiele eines Trends, den wir in Zingst besonders empfunden haben. Natürlich gibt es auch in Zingst noch jede Menge der Landschaft und dem Ortsbild angemessene und schöne Bauten, neueren und auch noch alten Datums, in den anderen Orten der Halbinsel ohnehin. Dennoch tut weh, welche Veränderungen man hier sieht. Am mangelnden Geld liegt es hier ganz sicher nicht, es mangelt nicht an Unternehmertum, aber an Sensibilität und Achtsamkeit dem Raum gegenüber. Das, was hier für viel Geld gebaut wird und sich schnellstens rentieren soll, verändert das Angesicht der Halbinsel, insbesondere von Zingst, massiv und in meinen Augen brutal. Klasse wäre hier sehr viel besser geeignet als Masse und Größe und bauliches Gedränge auf den Grundstücken. Ich war von meinen Sommerferienjahren in List auf Sylt schon so einiges gewöhnt, aber was ich jetzt in Zingst zu sehen bekam, hat mich erschüttert.







Dass wir uns aber trotz Wetterlage und anderer Einschränkungen einen erholsamen Urlaub machen konnten, habt ihr bei 12 von 12 schon sehen können. Ich nehme euch ab Samstag noch ein paar mal mit auf die Halbinsel, in andere Orte auf Zingst, ans Meer, in den Wald, auf die Wiesen, und zeige euch noch viel Erfreuliches von dort, versprochen. Denn der größte Teil der Natur steht unter Schutz, im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Und diese wunderbare Landschaft wird uns immer wieder anziehen. Denn deshalb sind wir auch diesmal hingefahren.




Lost places

Kommentare:

  1. Wundervoll hast du mir Zingst nahegebracht, am
    besten gefallen mir diese "maroden Schönheiten" ich kann
    mich gar nicht daran satt sehen.
    Doch ich stelle mir schon vor, dass in den Sommermonaten der Tourismus nicht immer nur angenehm ist.
    Ich wünsche dir ein wunderschönes We.
    Lg Sadie

    AntwortenLöschen
  2. Eine gute Freundin von mir ist in Zingst aufgewachsen und erzählt ab und an vom Leben mit Touristen, über die Verkehrsentwicklung und vom morgendlichen Schwimmen im Meer. Dank ihrer Urlaubsfotos bestand Zingst für mich bislang hauptsächlich aus wunderschönen Naturerlebnissen, auch wenn bei ihr häufig durchklang, wie sehr sich alles verändert hat. Zu sehen, wie lieblos stellenweise diese Veränderungen vor sich gehen, macht mich traurig.

    AntwortenLöschen
  3. Wie toll, dass du die alte Postkarte der Villenstraße noch zufällig entdeckt hast - und dagegen den gleichen Ort zeigst, wie er heute aussieht. Da kann man sich freuen, dass dieses hübsche Haus die Veränderungen überlebt hat.
    Ja, und wie traurig, dass das schöne Holzhaus, wie du schon selbst vermutest, nicht mehr lange leben wird.
    Lieben Gruß von Ulrike

    AntwortenLöschen
  4. Dein Post heute spricht mir sehr aus dem Herzen. Ersetze Zingst durch Rügen und mann könnte den Text genauso lesen. Die gesamte Insel wird immer mehr verschandelt und ist im Sommer komplett überfordert. Es gibt - objektiv betrachtet - schon noch eine Menge ganz wundervoller unberührter Natur, aber alles Ostseenahe wird komplett zugebaut. Vor allen Dingen auch zugebaut ohne Stil und Einfühlungsvermögen, immer die gleichen sterilen Kästen. Wir waren letztens wieder in Prora und das ist für mich das aller schlimmste Beispiel. Aber die Bevölkerung vor Ort ist meist für solche Baumaßnahmen, weil sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Da geht es um sein eigenes gegenwärtiges Dasein und da fallen mir dann auch keine Argumente mehr ein.... In Lohme z.B. habe ich großen Widerstand der Einheimischen gespürt, aber auch dort hat der Bürgermeister im Alleingang einen großen Neubau genehmigt. Es fließt wohl auch viel Geld in schwarze Kassen überall.
    Das Holzhaus ist bezaubernd. Das alte Foto berührt mich sehr. So hat meine Mutter ihre Kindheit an der See verbracht, gerade auch in Zingst.
    Vielen Dank für deinen Post, viele Grüße und ein schönes Wochenende

    AntwortenLöschen
  5. das scheint wirklich ein verlorener platz zu sein - mehr als alle ruinen die man dafür sonst so verlinkt. zumindest für ästhetisch empfindsame seelen.
    wir sahen ostern ähnliches in bad saarow und gruselten uns mächtig ob der baulichen scheusslichkeiten der immobilien-maximal-verwerter. ein trost bleibt - die neubauten werden nicht hundert jahre stehen - diese modernen materialien altern im turbo - in 30 jahren sind diese hütten nurmehr sondermüll. und dann ist hoffentlich etwas mehr weisheit bei den stadtplanern entstanden.....
    alles liebe! xxxxx

    AntwortenLöschen
  6. Auch ich finde diesen Bauboom ganz furchtbar und ich denke man könnte da wohl jede tourstisch lokrative Gegend nehmen. Manchmal denke ich auch, was zieht die Leute noch auf unsere Insel. Nun schon mit zwei Brücken ausgestattet und dazu zwei dicke Strassen, nur damit niemand im Stau stehen muss und noch mehr Bettenburgen entstehen können. Die wenigen ruhigen unverbauten Stellen kann man fast schon suchen. Noch gibt es sie, wer weiß wie lange noch.
    Liebe Inselgrüße
    Sheepy

    AntwortenLöschen
  7. Lost... da wird tasächlcih gerade was verloren. Identität.

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Ghislana,
    danke für die wunderbaren Bilder von Zingst! Diese alten BAuten sind so herrlich, sie haben Seele, was man dagegen von den Neubauten nicht behaupten kann ... Schade, daß soviele herrliche BAuten einfach verloren gehen ...
    Ich wünsche Dir ein zauberhaftes Wochenende!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

    AntwortenLöschen
  9. Da wird wohl nicht mehr viel zu machen sein... Wie hier am See, die seelenlosen Neubauten nehmen oft den Charme.
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen
  10. zingst hat mir schon vor einigen jahren nicht gefallen. schon damals gab es viel zu viel chaotische bautätigkeit. ebenso bei vielen orten auf usedom - nichts für mich! es wird eigentlich nur gesichtslos. schade, dass auch die kleinen orte am bodden wie born oder wieck inzwischen davon infiziert sind. ich sage nur das wort "investoren"... erfreulicherweise ist die landschaft auf dem darß, besonders der weststrand, immer noch wunderschön!
    liebe grüße von mano

    AntwortenLöschen
  11. seelenlos, verantwortungslos - man könnte wohl noch eine ganze Weile weiter aufzählen... Es ist so schade, dass ein ganzer Landstrich seine Schönheit, seine Identität verliert

    herzliche Grüße und ein feines Wochenende

    AntwortenLöschen
  12. Welch ein Glück, liebe Ghislana, dass die Natur unter Schutz steht!
    Vielleicht sollte man anregen, dass auch Straßen (wie die einstige Villenstraße) unter Denkmalschutz gestellt werden. Die Gier nach Profit macht blind für das Schöne. Ich freue mich schon auf die Meer-, Wald- und Wiesenfotos.
    Liebe Grüße
    Edith

    AntwortenLöschen
  13. Zu deinen Beobachtungen mag ich nichts mehr sagen. Ich rege mich über dieses Phänomen schon seit Jahrzehnten auf, besonders auch in meinem Geburtsort...
    Bon week-end!
    Astrid

    AntwortenLöschen
  14. Das ist ein Trend, den ich an der Ostsee auch schon negativ wahrgenommen habe. Einmal hatten wir in Bansin aus versehen so eine Neubau-Unterkunft, dabei war das Haus gar nicht mal am Strand.
    Dein altes Holzhäuschen hat so viel Charme...die Fensterläden und die Tür lassen ahnen, wie schön es mal war.
    Ein schönes Wochenende,
    LG Sigrun

    AntwortenLöschen
  15. Wie schade, es zerreisst einem direkt das Herz, wenn man diesen Gegensatz so sieht. Überall nur noch Nullachtfuffzehn ...

    AntwortenLöschen

Ich freue mich sehr über eure Gedanken. Leider jetzt auch bei mir mit Sicherheitsabfrage. Mir wird das "Müll-Schaufeln" zu viel...
Bitte keine anonymen Kommentare.