Sonntag, 9. Februar 2014

Klein-Mädchen-Freundschaft




Ich wartete jeden Morgen auf sie. Sie war meine allererste "beste" Freundin. Vor unserem Haus schaute ich vom sandigen Gehweg aus die schmale alte Pflasterstraße entlang in ihre Richtung. An den dichten Sträuchern vorbei, und an den die Straße wie mit einem Tunnel überspannenden Bäumen, kam sie von ganz weit hinten und rannte, sobald sie mich stehen und winken sah. Mit wehenden langen dunklen Zöpfen, die Riemen des Schulranzens auf dem Rücken und die Riemen der Brottasche gleichzeitig mit beiden Händen fest an die Rippen gedrückt. In den vom schnellen Laufen geschüttelten Taschen klapperten Griffelkasten und Brotbüchse. Noch heute erinnere ich mich an dieses rhythmische Klappergeräusch und sehe sie näherkommen. Nie war sie morgens schon da, immer rannte sie. Und ich wartete, mit meinem dunkelbraunen Ranzen, mit dunkelbraunen Schuhen, mit dunkelbraunem Pferdeschwanz und mit meiner Brottasche, bis sie da war, ganz außer Atem. Wir beide freudig erregt, dass wir uns wieder hatten, ein gemeinsamer Schultag vor uns lag. 


Drei Schuljahre lang waren wir fast unzertrennlich, gegen alle Hindernisse, die wir damals so nicht empfunden haben. Es war, wie es war. Denn wir sahen uns nur in der Schule. Die Pausen und die gemeinsamen Schulwege mussten reichen für die Freuden und Geheimnisse einer Kleinmädchen-Freundschaft. Zusammen sitzen durften wir "zwei schwatzhaften Liesen" in der Schule nicht. Sie wohnte außerhalb des Ortes, mit einer großen kinderreichen Familie auf einem Bauernhof. Nur einmal war ich dort, störte aber nur, kam dort nicht an... Die Kinder waren ganz eingespannt in den Jahreszeiten- und Arbeits-Rhythmus des Hofes mit Feldern und Tieren. So war sie auch nie bei mir zu Haus, zum Spielen, ich strolchte nachmittags mit den Jungs ein paar Grundstücke weiter herum.
Nach drei Jahren zog unsere Familie weg. Die Traurigkeit, das Vermissen der Freundin und von so vielem mir Vertrauten wichen schnell wieder meiner Lust aufs Leben, der Neugier, auch auf die Kinder in der neuen Schule. Ganz schnell hatte ich wieder eine Freundin, dann eine andere, noch eine andere dazu, und noch eine andere, zu einer kleinen heftig pubertierenden Mädchen-Clique wurden wir. Dann wieder ein Schulwechsel. Noch einmal eine neue enge Schulfreundin, eine, die mir blieb, durch alle Zeiten, bis heute, in der Nähe. 


Doch irgendwann während der Studentenzeit suchte ich auch meine erste Schulfreundin wieder, probierte mit einem Brief die alte Adresse aus. Und bekam Antwort. Wir schrieben uns ab und an. Nun telefonieren wir manchmal. Alle paar Jahre sehen wir uns, bei ihr oder bei mir, erzählen von den alten Kinderzeiten, schauen uns gegenseitig in die Gärten, in die Fotoalben, essen unsere frisch gebackenen Kuchen, sprechen über die Familien, die verstorbenen Eltern, die Männer, unsere Geschwister, über die inzwischen großen Kinder und nun auch schon die kleinen Enkelkinder. 



Wir haben uns verändert, äußerlich, sind Jahrzehnte älter geworden, innerlich, haben verschiedene Lebensgeschichten gesammelt, die eine im Norden, die andere im Süden von Berlin. Doch in uns tief drinnen ist die Vertrautheit geblieben, unser schelmisches Lachen, das Blitzen in unseren Augen, wenn wir uns erinnern, an eine Zeit vor über 50 Jahren, in der wir drei Jahre lang jeden Schultag zusammen und unzertrennlich waren. Zwei schmale kleine dunkelhaarige Mädchen, eins mit wehenden Zöpfen und eins mit Pferdeschwanz.


In "short stories" bei Bine und Andrea ist Freundschaft das Februarthema.



Als ich die Geschichte schrieb, war sie da, meine Mitte. Éva sammelt sie immer mittwochs ein. Auch Freundschaft ist mir eine Sonntagsfreude. Bei Maria gibt es noch andere. Sonntagsfreude wünsche ich auch euch.

Kommentare:

  1. wunderschön, die geschichte, die alle jahreszeiten im kreis überdauernde freundschaft. so feine bilder, auch in worten.

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  2. Ach liebe Ghislana, so schön geschrieben...und es kommt mir sehr bekannt vor...Meine Freundin hieß Stella...wir waren seelenverwandt...Durch den Tod meines Vaters und den darauf folgenden Umzug haben wir uns leider aus den Augen verloren...doch ich denke hin und wieder an sie...LG Lotta.

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  3. Eine schöne Geschichte über Freundschaft aus dem wahren Leben. Ich sitze hier und betrachte die schönen und stimmungsvollen Fotos mit Gänsehat auf meinen Armen.
    Liebe Grüße, Cora

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  4. Danke für diese schöne Geschichte, die sicher viele von uns so oher ähnlich erlebt haben. ERinnerungen kommen hoch ... ganz anders und doch ist es da - dieses freudig-erregte, atemlose der Treffen...

    liebe Grüße von Ellen

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  5. Liebe Ghislana,

    eine wunderschöne Gesichte, die mich auch an meine Schulzeit erinnert. Leider haben bei mir diese Freundschaften die Jahre nicht überdauert, was aber sicher auch an mir lag, denn ich bin ein absoluter Einzelgänger.

    Liebe Grüße
    Jutta

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  6. Liebe Ghislana ! Danke fürs Mitnehmen in deine Kindheit .
    Es ist ein wahrer Schatz wenn Freundschaften so lange überdauern !
    Ich wünsche dir einen feinen Sonntag
    Herzlichst Ursula

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  7. Soooo schön, eine wahre Freundschaft!!! Selten halten Freundschaften 50 Jahre, auch wenn man zeitweise getrennte Wege gegangen ist, ist es wunderbar wenn man wieder die alte Vertrautheit zueinander spürt.
    Liebe Grüße
    Papatya

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  8. Eine wehmütige Geschichte, kongenial bebildert, die nachklingt...
    Erinnerungen an ein schwarz- und ein blondbezopftes Mädchen im Dorf meiner Kindheit werden wach. Aber noch mag ich nicht eintauchen.
    Allerliebste Grüße
    Astrid

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  9. Was für eine herzerwärmende Geschichte, die auch bei mir gleich Erinnerungen weckte!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  10. Eine berührende Geschichte und die Bilder eine Wonne.

    Liebe Grüße

    Margarete

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  11. was für eine schöne geschichte, liebe ghislana. du weckst auch bei mir erinnerungen an zeiten von ranzen und brottasche.....gerade habe ich diesen ganz bestimmten "duft" meiner brotrasche in der nase.....
    lg mickey

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  12. ...BROTTASCHE sollte das heißen....

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  13. Eine sehr schöne und berührend geschriebene Erinnerungsgeschichte - es bewegt mich, dass du nach so langer Zeit wieder an die alte Freundschaft angeknüpft hast. Ich hätte auch so ein paar "lose Fäden"...
    Herzliche Sonntagsgrüße von
    Brigitte

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  14. ....schön hast du diese Geschichte aufgeschrieben, liebe Ghislana,
    so wertvoll sind diese besonderen Freundschaften, die ein Verstehen haben auch wenn lange Zeiten zwischen den Begegnungen liegen...

    wünsch dir noch einen frohen Sonntag,
    lieber Gruß von Birgitt

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  15. ...ich habe Gänsehaut und höre auch das Klappern der Brotdose. Meine Freundin aus dieser Zeit heißt Elke und obwohl wir sehr weit auseinander wohnen heute, wissen wir immer noch unsere Geburtstage und denken aneinander... Die Fotos sind wunderschön, liebe Ghislana!
    Liebe Grüße, Sabine

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  16. Was für eine zauberhafter Post!
    Wunderschön...
    Danke fürs teilhaben lassen. ^^
    GLG, MamaMia

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  17. ja, "alte" freunde sind das beste, was es gibt. felsen in der brandung - auch wenn man sich selten sieht! einen guten start in die woche!

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  18. Danke für Deine so einfühlsam und bunten Zeilen über Deine Freundschaft.
    Ich war mitten drin, hab das Geräusch des rennenden Schulranzens genau hören können, aber auch den Verlust mit empfunden - habe eine ähnliche Freundschaftsgeschichte.
    Schön das Ihr Euch noch habt und seht und immer noch so albern lachen könnt!
    Eine schöne Sonntagsgeschichte am Montag.
    LG Susan

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  19. Deine Geschichte berührt mein Herz, liebe Ghislana. - Wer wären wir ohne unsere (selten genug auch langjährige) Freundinnen?

    Ich wünsche Dir eine gute Woche, liebe Grüße von
    Gabi

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  20. Danke für die Geschichte und die wunderschönen Bilder die du mit uns teilst.
    Liebe Grüße, Brigitte

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  21. Liebe Ghislana,
    so warm erzählt, so herrlich bebildert.
    Gänsehaut.
    Judika

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  22. Das ist so, so schön... sei gedrückt. hier geht es bergauf...

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  23. eine ganz wunderbare geschichte mit bildern, die mich verzaubert haben. danke, liebe ghislana!

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  24. Welch berührende Geschichte...
    alles Liebe. maria

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  25. Liebe Ghislana,

    ich kämpfe mich rückwärts durch die verpassten Posts und bin ganz gerührt von dieser Geschichte. Leider hab ich schon ewig keinen Kontakt mehr zu meiner ersten Schulfreundin, aber meine Studienfreundin werd ich wohl in nächster Zeit endlich wieder suchen ... manchmal brauche ich solch kleinen Anstubser wie deine Geschichte ... dankeschön.

    Nen lieben Gruß von Antje

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  26. Was für eine wunderschöne Geschichte. Und so ehrlich, denn als Kind trauert man wirklich meist nicht lange, sondern lebt in der Gegenwart und erlebt Neues. LG Rebekka

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  27. Keine aufregende Geschichte, liebe Ghislana, dennoch sooo schön.
    Liebe Grüße von Edith

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Ich freue mich sehr über eure Gedanken. Leider jetzt auch bei mir mit Sicherheitsabfrage. Mir wird das "Müll-Schaufeln" zu viel...
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